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TV Hüttenberg steigt in 1. Bundesliga auf

Gießener Anzeiger

Montag, den 12. Juni 2017 um 07:03 Uhr

HÜTTENBERG. Von Florian Deis. - Das mittelhessische Handball-Märchen ist perfekt: Als Vizemeister kehrt der TV Hüttenberg nach fünfjähriger Abstinenz sensationell in die 1. Handball-Bundesliga zurück. Mit 25:19 (12:10) fegte die Mannschaft von Trainer Adalsteinn Eyjolfsson am letzten Spieltag über Zweitliga-Meister TuS N-Lübbecke hinweg. Damit schreibt der Dorfverein Geschichte: Zuvor war seit Einführung der eingleisigen 2. Bundesliga noch keinem Club der Durchmarsch aus der dritten in die erste Liga gelungen.

Selbst viele Minuten nach der Schlusssirene konnte es Adalsteinn Eyjolfsson, der obendrein zum Trainer des Jahres im Bundesliga-Unterhaus gewählt wurde, noch nicht fassen. Immer wieder schüttelte der 39-Jährige ungläubig den Kopf, fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. "Unglaublich, Erste Liga, was will man mehr", strahlte der da längst mit einer Bierdusche bedachte Isländer.

Genau acht Sekunden vor Schluss - Hüttenbergs Trainer hatte zu diesem Zeitpunkt eine letzte Auszeit genommen - wusste auch der Letzte im mit 1450 Zuschauern pickepackevollen Sportzentrum, dass die Blau-Roten wieder erstklassig sind. Denn Friesenheim hatte nur mit fünf Toren Vorsprung gegen Rostock gewonnen. Also verließ Dominik Mappes den Mannschaftskreis kurzerhand und streckte beide Fäuste in die Höhe. Es war ein Bild, ein Moment für alle, die es mit der Sportromantik halten: Der Hüttenberger Bub bejubelte in seiner Halle die Erstligarückkehr seines Clubs. Seine Gefühlslage? "Unbeschreiblich."

Dass die Hüttenberger den Meister derart zerlegen würden, war in der ersten Hälfte freilich nicht absehbar. Dazu ließen die Gastgeber schlichtweg zu viele klarste Gelegenheiten aus. Vier freie Bälle und zwei Siebenmeter vergab der TVH. Dabei musste er für seine Tore ohnehin hohen Aufwand betreiben. Ein Paradebeispiel für die Intensität dieses Spitzenspiels waren die Angriff für Angriff garantierten Ringkämpfe zwischen Hüttenbergs Kreisläufern, wahlweise Mario Fernandes oder Moritz Zörb, und Lübbeckes Innenblock.

TV Hüttenberg - TuS N-Lübbecke 25:19

Weil der Rückraumlinke Tim Stefan aufgrund einer Schulterverletzung passen musste, probierten es die Mittelhessen häufig mit an den Kreis einlaufenden Außenspielern. "Wir haben uns entschieden, mehr über den Kreis zu spielen, in die Breite zu gehen und es auseinander zu spielen", erklärte Eyjolfsson. Ein Mappes-Gegenstoß in Unterzahl bedeutete in der 22. Minute das 9:7 - die erst zweite Zwei-Tore-Führung. Diesen Vorsprung hielt Hüttenberg bis zum Pausen-12:10.

Selbstverständlich sind solche Situationen, in denen jede Kleinigkeit über Wohl und Wehe entscheiden kann, auch eine Frage des Kopfes. Auf Hüttenberg jedenfalls wirkte diese Konstellation offenbar beflügelnd. Nicht anders ist diese mitreißende Energieleistung in Abschnitt zwei zu erklären. "Wir haben uns irgendwann in einen Rausch gespielt", fand Eyjolfsson. Ein Eckpfeiler: Matthias Ritschel. Der Torhüter zeigte eine famose Darbietung, wehrte 15 Versuche ab und trug somit maßgeblich dazu bei, dass Hüttenberg in der ersten Viertelstunde nach der Pause gerade mal drei Gegentore kassierte.

Als erst Spielmacher Mappes per Hüftwurf auf 16:12 stellte und in derselben Minute Rückraumspieler Ragnar Johannsson in der zweiten Welle auf 17:12 (39.) erhöhte, war der TVH nicht mehr aufzuhalten. Die Eyjolfsson-Sieben spielte völlig entfesselt, es funktionierte alles. Bis auf 22:14 (50.) zog man davon - und das gegen den Ligakrösus. Als der 25:19-Erfolg feststand, war das Sportzentrum längst zu einem Tollhaus avanciert.

Wie emotional dieser Moment für Hüttenbergs Trainer war, das merkte man ihm auch noch an, als er dem Trubel erstmals entkommen war und vor der Mannschaftskabine mit den Journalisten sprach. "Es ist unfassbar. Das war einfach sensationell von den Jungs", sagte er. Und während es die Mannschaft am Ballermann krachen lässt, zieht es Eyjolfsson nun erst mal nach Island. Vielleicht kann der Aufstiegstrainer dort realisieren, welches Wunder er mit dem TV Hüttenberg vollbracht hat.

*

Hüttenberg: Ritschel, Schomburg (bei einem Siebenmeter); Stefan (n.e.), Sklenak, Lambrecht, Wernig (6/1), Rompf (1), Zörb (2), Fernandes (4), Johannsson (5), Roth (1), Mappes (6/1), Hofmann.

Lübbecke: Blazicko (ab 31.), Tatai; Genz (2), Kaleb (4), Bechtloff (3), Grabarczyk, Tauabo (1), Gruszka (1), Torbrügge (1), Zetterman (5), Koloper (2), Hövels, Remer.

Schiedsrichter: vom Dorff/vom Dorff (Kaarst) - Zuschauer: 1450 (ausverkauft) - Zeitstrafen: 6:6 Minuten (Rompf/zwei, Zörb; - Kaleb, Zetterman, Koloper) - Siebenmeter: 4/2:6/5.


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