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Hüttenbergs „goldene zwei Punkte“

Gießener Anzeiger

Samstag, den 14. Oktober 2017 um 12:25 Uhr

1. BUNDESLIGA Bei zwei Rivalen auf Augenhöhe ist der Druck auf beiden Seiten groß / Wechselbad der Gefühle

GIESSEN. Von Albert Mehl. - Die Gemeinsamkeiten sind augenfällig. Schon beim Blick auf die Tabelle. Denn die Handballer aus Hüttenberg und Friesenheim nehmen mit jeweils 5:13 Punkten die Plätze 15 und 16 ein, die Nordbadener durch das bessere Torverhältnis (minus 13 gegenüber minus 20) knapp vor den Mittelhessen, beide aber auf Nichtabstiegsrängen. Beide Mannschaften sind zu dieser Saison aufgestiegen. Und beide Teams verfügen mit jeweils um die 1,3 Millionen Euro über die kleinsten Etats im 18er-Feld mit deutlichem Rückstand zur Konkurrenz. Das ist mit ein Grund, warum der TV Hüttenberg und Die Eulen Ludwigshafen, wie die Friesenheimer seit der Spielzeit 2017/18 firmieren, auch nur bedingt mit Aufgeboten aufwarten können, deren Spieler für sich genommen den Ansprüchen der Eliteliga genügen.

Aber beide Mannschaften warten mit Attributen auf, die bei den anderen Liga-Kontrahenten nicht immer so ausgeprägt sind. So befand Philipp Grimm, der Teammanager der Friesenheimer, nach dem Gastspiel bei den Hüttenbergern in der Gießener Sporthalle Ost: „Beide Mannschaften spielen mit Herzblut, wie kaum eine andere Mannschaft der Liga.“ Vielleicht konnten deshalb die Gäste die aus ihrer Sicht höchst unglückliche 27:28 (15:15)-Niederlage etwas besser wegstecken, die Hüttenbergs Linksaußen Christian Rompf mit seinem einzigen Tagestreffer wenige Sekunden vor dem Abpfiff von Linksaußen erzielte.

Während die Hüttenberger mit ihrem Anhang ausgelassen jubelten, mussten sich die Friesenheimer an die eigene Nase fassen. Denn beim 27:27 waren sie in der Schlussminute am Drücker und in Ballbesitz, ließen sich das runde Leder aber durch Florian Lambrecht stibitzen.

„Wir mussten in der zweiten Halbzeit viel hinterherlaufen. Der Druck lag da in vielen Angriffen auf uns. Deshalb geht das in Ordnung so“, gab sich Eulen-Trainer Benjamin Matschke als fairer Verlierer. Wie groß die Erleichterung da bei den Hausherren war, verdeutlichte Rechtsaußen Daniel Wernig: „Ich bin heilfroh, dass wir gewonnen haben. Das war Abstiegskampf pur am neunten Spieltag.“ Dass auch der TVH nicht ohne Druck aufspielte nach bislang drei Unentschieden als ersten Erfolgen, schickte der 29 Jahre alte Linkshänder hinterher: „Gegen so einen Gegner musst Du gewinnen.“

Dieses „Müssen“ schien die Mappes und Co. manchmal richtig zu lähmen. So hatte nicht nur TVH-Trainer Adalsteinn Eyjolfsson „viele Fehler, viel Hektik, viele Nerven“ gesehen. Und so versäumten es die Hüttenberger vor allem in Durchgang zwei, ihre teilweise gekonnt herausgeworfenen drei oder vier Tore Vorsprung zu sichern oder weiter auszubauen. Dadurch wurde der nimmermüde Anhang mit erstmals über 2000 Besuchern auf den Tribünen von einem Wechselbad der Gefühle ins nächste gestürzt.

Eine Achterbahnfahrt, die in der letzten Phase noch an Dramatik zunahm. Als seine Angreifer einige unüberlegte und unvorbereitete Würfe nahmen, sei seine Mannschaft in den letzten vier, fünf Minuten unter Druck geraten, blickte Eyjolfsson zurück. „Da hätten wir beinahe den Sieg verschenkt.“ Doch das glückliche Ende machte den Isländer auf dem Hüttenberger Trainerstuhl „sehr, sehr stolz auf meine Jungs“ und glücklich über „goldene zwei Punkte“.

Die hart umkämpfte Partie zweier Mannschaften, „die sehr gut aufeinander eingestellt waren“ (so Eyjolfsson) ließ den TVH-Coach so auch zu den bewährten Angriffsmitteln greifen. Sebastian Roth und Szymon Sicko im linken Rückraum sowie selbst Vladan Lipovina halbrechts erhielten nur begrenzte Spielanteile. Überwiegend wurde das Angriffsspiel der Gastgeber (wie schon aus den vorherigen Begegnungen gewohnt) von den zeitgleich auf der Platte befindlichen Mittelleuten Dominik Mappes und Tomas Sklenak bestimmt.

Eyjolfsson blickte aber ebenfalls über den Tellerrand und zum donnerstäglichen Verlierer: „Beide Mannschaften stehen zurecht da, wo sie sind.“ Eine weitere Gemeinsamkeit also.


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