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Eine funktionierende Hierarchie

Gießener Allgemeine Zeitung

Dienstag, den 03. Januar 2017 um 17:51 Uhr

(mro) Der TV 05/07 Hüttenberg, vor der Saison Liga-Rückkehrer, geht überraschend als Tabellenführer der 2. Handball-Bundesliga in die Winterpause. Warum das so ist, warum nach einer überragenden Drittliga-Meistersaison eine sensationelle Vorrunde in der zweithöchsten deutschen Spielklasse folgte, dies erklären wir nachfolgend. Die Mannschaft hat zunächst, ausgestattet mit individuellen Trainingsplänen, bis zum 10. Januar auch ein wenig Zeit, den Blick auf die Tabelle zu genießen, um dann aber genauso gut vorbereitet wie bisher am 1. Februar zum Vorrunden-Abschluss zum Schlagerspiel der punkt- und torgleichen Spitzenmannschaften bei TuS Nettelstedt-Lübbecke anzutreten und hoffentlich das Handball-Jahr 2017 genauso erfolgreich zu gestalten wie das nun zu Ende gegangene.

Der Trainer: Aðalsteinn Eyjólfsson, der 39-jährige Isländer, war ein Glücksgriff, als er vor ziemlich genau zwei Jahren in der Winterpause Axel Spandau ablöste. Selber erst Wochen zuvor in Eisenach nach viereinhalb Jahren mit Erstliga-Auf- und -Abstieg entlassen, konnte er zwar auch nicht den Gang in die Drittklassigkeit abwenden. Doch nach Jahren der großen personellen Fluktuationen, nach dem einjährigen Abenteuer in der ersten Liga unter Jan Gorr, vertraute er den Spielern, die er mittlerweile kennengelernt hatte. Zwei Jahre später hat er diese Mannschaft, deren Kern immer noch zusammen ist, auf ein ganz anderes Niveau gehoben.

Die Drittliga-Saison: Nach zwei desaströsen Zweitliga-Jahren, die im Abstieg 2015 gipfelten, hatten nicht wenige Bedenken, ob der Abstieg schnell wieder zu reparieren sein würde. Zumal vielen Spielern dieses Negativerlebnis anhaftete. Doch eine Serie von 19 Siegen vom Saisonstart weg sorgten nicht nur für genügend Vertrauen in die eigene Stärke, sondern bescherten auch einen ungefährdeten Durchmarsch zurück in die 2. Liga. Und dieses Vertrauen ist ungebrochen. »Die Jungs wissen, dass sie für jede Situation eine Lösung haben«, hatte daher ihr Trainer erst unlängst festgestellt.

Die Fitness: Das frühe Saisonende in der dritten Liga, in der man zudem schon frühzeitig die Meisterschaft unter Dach und Fach gebracht hatte, nutzte Aðalsteinn Eyjólfsson, um bereits im Frühjahr die Basis für eine beeindruckende Fitness zu legen. Fehlten in der Abstiegssaison zumeist am Ende die Kräfte, so können die Handballer aus Hochelheim und Hörnsheim in der Crunch-Time nun immer noch zulegen. Speziell in den letzten beiden Spitzenspielen in Bietigheim und gegen Rimpar wurden so die Punkte geholt. Da zudem Reha-Trainer Peter Nagel einen super Job auch im präventiven Bereich macht, kommt der TVH bisher, außer der Langzeitverletzung von Rückraumspieler Markus Semmelroth, ohne Ausfälle über die Runden.

Die Neuzugänge: Punktuell sinnvoll und qualitativ hochwertig – so verstärkte sich der TV Hüttenberg im Sommer. Dass Linksaußen Christian Rompf erst spät vom Nachbar HSG Wetzlar dazustieß, war ein absoluter Gewinn für beide Seiten. Vorne routiniert und abgeklärt steht »Rombe« zudem auf der Halbposition in der Deckung seinen Mann. Auch mit dem 21-jährigen Tim Stefan hat ein wurfgewaltiger Rückraumspieler schon in etlichen Spielen gezeigt, dass er eine wichtige Verstärkung ist. Moritz Zörb und Jan Wörner dagegen kamen bisher noch nicht über die Rolle als Back-up hinaus. Beide haben aber in ihren Einsätzen durchaus angedeutet, dass sie da sind, wenn sie gebraucht werden und den nächsten Schritt in ihrer handballerischen Entwicklung gehen wollen. Jonas Müller sammelt mit Zweitspielrecht bei der HSG Rodgau Nieder Roden weitere Spielpraxis. Und vielleicht kommt es 2017 ja auch noch zum Comeback von Maximilian Kraushaar, der nach seinen langwierigen Knieverletzungen dann durchaus als weiterer Neuzugang angesehen werden darf.

Die neue Offensivkraft: Auch hier ist unter Eyjólfsson ein Quantensprung vollzogen worden. Warf man in der Abstiegssaison nur knapp über 24 Tore pro Spiel und stellte selbst im Aufstiegsjahr »nur« den drittbesten Angriff der Ost-Staffel der 3. Liga, so verfügt der TVH aktuell mit durchschnittlich 28,6 Treffern über die zweitbeste Liga-Offensive. Bereits sechsmal in den bisherigen 18 Spielen warfen die Blau-Roten 30 oder mehr Tore. Neben vielen Toren, resultierend aus Ballgewinnen und schnellem Umschaltspiel, sehen die Zuschauer auch wieder vermehrt herausgespielte Treffer im positionsgebundenen Angriff.

Der Teamgeist: »Ich will jede Position doppelt besetzt haben. Jeweils mit einem routinierten und einem jungen Spieler, der von der Erfahrung seines Partners profitieren kann.« Dieses Credo hat Aðalsteinn Eyjólfsson in seinem Kader umgesetzt. Und der Erfolg gibt ihm recht. Wer die Spieler zudem näher beobachtet, erkennt schnell, dass jeder sich für den anderen freut und sein Ego hinter den Mannschaftserfolg zurückstellt. Da steht ein international erfahrener Tomáš Sklenák ohne zu murren hinter einem 22-jährigen Dominik Mappes an, um dann, wenn er gebraucht wird, da zu sein. Da gibt Christian Rompf seine Erfahrung aus sechs Erstliga-Jahren an den jungen Jannik Hofmann weiter. Oder das Torhüter-Gespann Matthias Ritschel und Fabian Schomburg tauscht sich fast in jedem Angriff gegenseitig aus. Und so glaubt man gerne, wenn jeder Spieler die Harmonie im Team mit einer funktionierenden Hierarchie lobt.

Die Eingespieltheit: In Hüttenberg sieht man aktuell, dass erfolgreiche Mannschaften wachsen müssen. Dass Hierarchien und Verantwortlichkeiten innerhalb des Teams entstehen müssen, um an den Punkt zu gelangen,wo der einzelne Spieler blind weiß, was sein Nebenmann tut. Nur durch die personelle Konstante der letzten Jahre haben sich Abläufe in Abwehr und Angriff verselbst-ständigt, die ein wesentlicher Bestandteil des Erfolges sind.

Die Defensivstärke: Eyjólfssons erste Amtshandlung, in Hüttenberg die 3:2:1-Deckung wiederzubeleben, war ein wichtiger Einschnitt. »Diese Deckungsvariante saugen die Spieler in Hüttenberg schon mit der Muttermilch auf«, lieferte der Isländer damals die Begründung. Und die beste Drittliga-Defensive aller vier Staffeln in der letzten Saison glänzt auch eine Liga höher. Mit bisher nur knapp 25 Gegentoren pro Begegnung liegt man zwar »nur« auf Platz vier, hat aber mit dem punkt- und torgleichen Bundesliga-Absteiger TuS Nettelstedt-Lübbecke die beste Tordifferenz aufzuweisen. Logisch also, dass diese beiden Teams die Liga anführen.

Die mannschaftliche Geschlossenheit: »Wenn es mal bei einem nicht so gut läuft, reißen es andere heraus«, weiß der isländische TVH-Coach. Die Tiefe im Kader mit, außer Rechtsaußen, mindestens doppelter Besetzung aller Positionen lässt auch mal einen schlechten Tag eines Einzelnen nicht zur Tragödie werden. Stellt man mit Rechtsaußen Daniel Wernig bei den Torschützen und Matthias Ritschel bei den Keepern jeweils einen Spieler in der Spitzengruppe des entsprechenden Rankings, strahlen dahinter aber immer wieder so gut wie alle Spieler Torgefahr aus und kann sich »Adli« auch auf Fabian Schomburg im Kasten verlassen.

Die Gegner: Wer wurde nicht alles vor Saisonstart als Aufstiegsfavorit gehandelt. Klar, die Absteiger aus Nettelstedt und Eisenach. Die TSG-Ludwigshafen-Friesenheim war im Vorjahr nur knapp am Aufstieg vorbeigeschrammt. Aber auch Hamm, Aue, Nordhorn sowie Bietigheim nach einer starken Rückrunde hatten viele auf dem Zettel. Aber sicherlich nicht den TV Hüttenberg, den zwar einige als keinen normalen Aufsteiger nach nur einjähriger Liga-Abstinenz einstuften. Mit dem man aber in den Wettbüros für Tabellenplatz eins zur Winterpause richtig gut Geld hätte machen können. Doch etliche der hoch gehandelten Teams fanden schwer in die Saison (Hamm, Aue), kämpfen mit Verletzungen (Eisenach) oder lassen immer wieder überraschend Punkte liegen, wie zuletzt Nettelstedt beim Tabellenletzten Rostock. Scheinbar unbeeindruckt von der Konkurrenz dagegen zeigt der TV Hüttenberg eine erstaunliche Konstanz und steht daher verdient mit 29:7-Punkten an der Tabellenspitze.

Das Umfeld: Der sportliche Leiter Torsten Menges sowie die Hüttenberger Handball-Marketing GmbH & Co. KG mit Lothar Weber und Martin Volk an der Spitze haben in den letzten zwei Jahren mit ruhiger Hand viele gute Entscheidungen getroffen. Bitter für den oft gepriesenen Hüttenberger Weg war allerdings der Abstieg der zweiten Mannschaft aus der Oberliga, sodass die Lücke für die aus den hochklassigen Jugendmannschaften kommenden Nachwuchsspieler derzeit groß ist. Aðalsteinn Eyjólfsson hat allerdings eine Durchgängigkeit der Spielsystems bis in die Jugend eingeführt, die den Übergang erleichtern soll und so hoffentlich auch mittelfristig wieder eigenen Talenten den beschwerlichen Weg in den Erstmannschafts-Kader ermöglicht.

Die Fans: hielten ihrer Mannschaft im Drittliga-Jahr vorbildlich die Treue. Dauerhaft über 800 Zuschauer übertrafen bei Weitem die Erwartungen. Allerdings hat die auch in der 2. Liga anhaltende Erfolgssträhne nur unwesentlich die Besucherzahl ansteigen lassen. Gegen Eisenach wurde erstmals, dank der großen Anzahl an Gäste-Fans, die Marke von 1000 Zuschauern geknackt. Ein fast volles Haus, wie am zweiten Weihnachtsfeiertag gegen Rimpar im letzten Heimspiel, hätten sich die Handballer aus Hochelheim und Hörnsheim schon lange verdient. Nicht nur der Stimmung wegen, sondern jeder Euro an Eintrittsgeldern würde dem finanziell wahrlich nicht auf Rosen gebetteten Traditionsverein im Kampf gegen die teils wesentlich finanzkräftigere Konkurrenz helfen.


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