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Der Traum lebt weiter

Gießener Allgemeine Zeitung

Montag, den 29. Mai 2017 um 06:50 Uhr

Der TV Hüttenberg steht nach dem 30:25 gegen SG BBM Bietigheim am kommenden Samstag vor dem Spiel der Spiele. Es geht um den Aufstieg in die Handball-Bundesliga.

Von Markus Röhrsheim. Der TV 05/07 Hüttenberg hat das erste seiner Endspiele um den Durchmarsch in die Handball-Bundesliga gewonnen und bei der Live-Übertragung des HR-Fernsehens am Samstag allerbeste Eigenwerbung betrieben. Mit einem 30:25 (15:15)-Heimsieg gegen die SG BBM Bietigheim verteidigten die Schützlinge von Trainer Aðalsteinn Eyjólfsson nicht nur am drittletzten Spieltag den Aufstiegsrang zwei, sondern distanzierten gleichzeitig den Gegner, der sich mit seiner vierten Niederlage in Serie wohl aus dem Aufstiegsrennen verabschiedete, auf drei Punkte.

»Die Torhüterleistung könnte entscheidend werden«, hatte Lothar Weber von der Hüttenberger Handball-Marketing GmbH & Co. KG im Vorfeld gemutmaßt. Und zeigte damit Sachverstand. Denn während Hartmut Mayerhoffer, Trainer der Gäste, nach Spielende von einem verdienten Hüttenberger Sieg sprach, »denn wir verschießen vier Siebenmeter, werfen nur vier Rückraumtore und haben auch nur vier Torwartparaden«, hatten seine Angreifer gleich zu Spielbeginn große Probleme den Ball an einem stark startenden Matthias Ritschel im Hüttenberger Kasten vorbei zu bringen, der zudem von einer aggressiven und beweglichen Deckungsreihe vorbildlich unterstützt wurde.

Die Gäste, entweder verunsichert nach drei Niederlagen oder ob der Bedeutung des Spieles, schwächten sich zu Beginn aber auch selber. Zwei Stürmerfouls, eine dumme Zeitstrafe sowie ein zu Recht mit der Roten Karte geahndeter Siebenmeter von Valentin Schmidt mitten ins Gesicht von Ritschel gepaart mit einer vor Wille und Überzeugung strotzenden Hüttenberger Mannschaft, ließen so schnell das Pendel zum 5:2 für den TVH ausschlagen.

Und Hüttenberg hielt das Tempo hoch. Durch aufmerksame Deckungsarbeit und die daraus resultierenden Ballgewinne musste Mayerhoffer bereits in der 13. Minute seine zweite Auszeit nehmen. Spielstand zu diesem Zeitpunkt: 8:3 nach einem Fernandes-Doppelpack. Die Gäste versuchten es nun mit dem routinierten Robin Haller als Spielgestalter und wechselten auch zum ersten Mal im Tor. Dadurch konnte sich Bietigheim – nach dem 9:4 von Dominik Mappes – langsam heran arbeiten, da die SG nun doch besser traf und auch der Hüttenberger Angriff etwas nachließ. Beim 11:13 in der 23. Minute durch Rechtsaußen Jan Döll waren es nur noch zwei Tore, bis zum Pausenpfiff konnte die SG sogar den Rückstand zum 15:15 wett machen.

Also alles wieder auf Null zum Start in die zweite Halbzeit im Hexenkessel. Zunächst brillierten beide Deckungsreihen und Bietigheim konnte sogar zweimal die Führung erzielen. Der gegenüber den letzten Wochen stark verbesserte Ragnar Jóhannsson mit einem Doppelschlag, jeweils von Dominik Mappes geholt, warf von der Rückraummitte-Position die Hausherren aber wieder mit 19:18 in Front (39.). Doch auch drei Minuten später war Bietigheim beim 20:20 durch Paco Barthe ebenbürtig.

»Dann hat ›Ritschi‹ noch ein paar Bälle gehalten und wir sind in unseren Flow gekommen«, erklärte Mario Fernandes, am Samstag mit sieben Toren bester Werfer, was dann passierte und die altehrwürdige Hüttenberger Sporthalle in ihren Grundmauern erzittern ließ. Strafwurfparade gegen Scholz, dem freien Rechtsaußen Döll den Ball weggenommen. Diese Taten des Kapitäns waren die Grundlage für zwei Tempogegenstoß-Tore des schnellen Daniel Wernig. Dazwischen ließ Mappes die Handball-Ästheten mit der Zunge schnalzen, als er hinter dem Kopf über die Schulter Fernandes am Kreis bediente, der vollendete. Das daraus resultierende 23:20 in der 47. Minute nötigte den Gast zur letzten Auszeit, die aber auch die nun berauschten Hüttenberger Handballer nicht mehr aufhalten konnte.

»Wer die Mannschaft in Rostock und heute gesehen hat, das waren zwei unterschiedliche Mannschaften. Ich weiß nicht, aus welchen Energiequellen die Jungs immer wieder nachlegen«, schüttelte selbst Trainer Aðalsteinn Eyjólfsson nach Spielende ungläubig den Kopf. Denn Wernig legte mit einem hohen Dreher von Rechtsaußen zehn Minuten vor dem Ende das 25:21 nach, als man geduldig den Angriff ausspielte. Bietigheim versuchte nun natürlich alles und brachte zunächst den siebten Feldspieler. Doch auch diese Maßnahme verpuffte wirkungslos, denn Moritz Lambrecht verwertete in der 53. Minute einen schönen Pass von Tim Stefan vom Kreis zum 27:22.

Danach öffnete Mayerhoffer die Deckung und seine Mannschaft verkürzte zwei Minuten vor dem Abpfiff in Überzahl auf 25:28. Eyjólfsson ging aber trotzdem weiter hohes Risiko und agierte trotzdem in Unterzahl mit dem sechsten Feldspieler. Und wurde für seinen Mut und das Vertrauen in seine Mannschaft belohnt. Abermals ein Doppelschlag von Mario Fernandes machte den Deckel drauf auf einen 30:25-Sieg, der mit dem Schlusspfiff das Sportzentrum Hüttenberg in eine Feiermeile verwandelte.

»Kaputt, aber glücklich. Die Halle war heute der totale Wahnsinn«, bedankte sich Mario Fernandes für die riesige Unterstützung der glückseligen Fans. Und auch Daniel Wernig konnte direkt nach dem Abpfiff nur fassungslos den Kopf schütteln. »Wahnsinn, einfach unglaublich.« Selbst der immer so cool wirkende isländische TVH-Coach war emotional sehr aufgewühlt. »Sprachlos, unglaublich, glücklich. Stolz ist wohl das richtige Wort. Unfassbar. Hut ab vor den Jungs. Wahnsinn, mit welcher Power sie das heute durchgezogen haben.«

Wenn der TV Hüttenberg diese Power am kommenden Samstag in Würzburg bei den DJK Rimpar Wölfen noch einmal auf die Platte bringen kann, ist der sensationelle Durchmarsch von der 3. Liga in die Bel Etage des deutschen Handballs unter Dach und Fach. Damit die Mannschaft auch dort von der Unterstützung der Anhänger getragen wird, setzt der TVH Fanbusse ein, für die man sich auf der Geschäftsstelle anmelden kann.

Hüttenberg: Ritschel, Schomburg; Stefan (1), Sklenák (3), Lambrecht (2), Wernig (6/1), Rompf, Zörb, Fernandes (7), Jóhannsson (6), Roth (1), Mappes (3), Hofmann (1), Semmelroth.

Bietigheim: Ebner, Edvardsson; Haller (2/2), Rentschler (2), Dahlhaus (2), Schäfer, Schmidt, Babarskas (1), Barthe (2), Asmuth (2), Scholz (9/4), Döll (3), Emrich (2), Emanuel.

Stenogramm / SR: Hörath/Hofmann (Zirndorf/Münchberg) – Zuschauer: 1084 – Zeitstrafen: 8:6 Minuten. – Disqualifikation: Schmidt (SG-6.) – Siebenmeter: 2/1:10/6.


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