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Hüttenberg will den Sieg

Gießener Allgemeine Zeitung

Samstag, den 03. Juni 2017 um 09:25 Uhr

Von Markus Röhrsheim. Rimpar Wölfe gegen TV 05/07 Hüttenberg. Vor dem Zweitliga-Showdown am Samstagabend (18 Uhr) haben wir die beiden Aufstiegskontrahenten einem Formcheck unterzogen.

Zweitletzter Spieltag in der 2. Handball-Bundesliga. Und an diesem kann die nächste Entscheidung fallen. Sollte nämlich heute, Anwurf 18 Uhr in der s.Oliver Arena Würzburg der TV 05/07 Hüttenberg den um nur einen Punkt schlechter platzierten direkten Hintermann, die Gastgeber von den DJK Rimpar Wölfe, besiegen, dann wäre die mittelhessische Handball-Sensation vollbracht. Dann würde der Traditionsverein das Wunder von 2011, als man unter Trainer Jan Gorr sensationell in die Beletage aufstieg, wiederholen. Vor der vielleicht alles entscheidenden Partie haben wir beide Mannschaften einem Formcheck unterzogen:

Torhüter: Mit Max Brustmann hat das Rimparer Wolfsrudel den Torwart mit den zweitmeisten Paraden der Liga im Kasten stehen. Der 34-jährige Lehrer konnte bisher knapp 400 Würfe in dieser Saison abwehren und damit jeden dritten Wurf auf sein Tor. Aber auch sein Gegenüber, Hüttenbergs Kapitän Matthias Ritschel, hat eine Quote gehaltener Bälle von über 30 Prozent. Dass dies absolut fast 100 Bälle weniger sind, liegt hauptsächlich an der guten Deckungsarbeit seiner Vorderleute, die ihm einiges an Arbeit abnehmen. Zudem glänzt der 30-jährige als Siebenmeterkiller. 29 gehaltene Strafwürfe sind Liga-Bestwert. Mit Andreas Wieser hat Rimpar aber genauso wie der TVH in Fabian Schomburg einen starken Backup.

Rückraum/Kreis: Das Prunkstück der DJK. Der 25-jährige Rückraumakteur und Ex-Hüttenberger Patrick Schmidt ist mit 224/89 Toren mit Abstand der gefährlichste Rimparer Torewerfer und rangiert damit auf Platz zwei der Liga-Torschützenliste. Aber auch gegen den bisher 173-mal aus dem Feld erfolgreichen Linkshänder Steffen Kaufmann wird viel Arbeit auf die TVH-Halbdeckenden zukommen. Zusammen mit Spielgestalter Benjamin Herth, der über Erfahrung aus mehr als 200 Bundesliga-Partien verfügt und der den Blau-Roten bereits im Hinspiel schwer zu schaffen machte, und Kreisläufer Jan Schäffer, der gut mit den Rückraumspielern harmoniert, verfügt der DJK über sehr viel Offensivpotenzial.

Beim TV Hüttenberg schwächelte zuletzt die erste Rückraumreihe mit Tim Stefan, Dominik Mappes und Ragnar Jóhannsson ein wenig. Doch offenbar rechtzeitig zu den entscheidenden Spielen im Saisonendspurt kommen die drei auch wieder in Tritt und konnten gegen Bietigheim wieder deutlich mehr Torgefahr ausstrahlen, aber auch durch sehenswerte Anspiele glänzen. Zudem haben die Routiniers Sebastian Roth und Tomáš Sklenák in den letzten Spielen ihre Bedeutung unter Beweis gestellt und erhöhen auch die taktischen Variationsmöglichkeiten.

Auch beim TVH funktioniert das Zusammenspiel mit dem Kreis, zumeist Mario Fernandes, bestens. Mit aktuell 97 »Buden« hat der 25-Jährige nur fünf Tore weniger auf dem Konto als Rimpars Schäffer, aber eine ähnliche gute Trefferquote von fast 75 Prozent.

Außen: Beim TVH kommt Linksaußen-Routinier Christian Rompf zuletzt nicht mehr ganz so zum Zug wie noch in der Vorrunde. Natürlich ist er aber auch auf die Anspiele seiner Mitspieler angewiesen und damit Mit-Leidtragender des zuletzt etwas holprigen Hüttenberger Angriffsspiel. Besonders im Tempogegenstoß konnte hier zuletzt auch sein Backup Jannik Hofmann glänzen. Trotzdem konnte Rimpars Dominik Schömig bei weitem nicht so oft jubeln wie Rompf. Auf der anderen Flügelseite ist Alleinunterhalter Daniel Wernig mit seinen Temposprints, aber auch seiner schlitzohrigen Spielweise, der Hüttenberger Topscorer, der mit 195/75 Toren in den Liga-Top-Ten rangiert. Rimpars Rechtsaußen Julian Sauer und Max Bauer haben zwar auch keine schlechte Wurfeffektivität. Letztendlich haben beide zusammen aber deutlich weniger Feldtore erzielt wie der Hüttenberger Flügelflitzer.

Abwehr: Ein Punkt Vorsprung für Hüttenberg, ein Gegentor weniger nach 36 Spielen bei Rimpar. Viel ausgeglichener kann es nicht sein. So, wie auch das Hinspiel 30:30-Unentschieden endete. Die Wiederbelebung der 3:2:1-Deckung durch Trainer Aðalsteinn Eyjólfsson bei seinem Amtsantritt vor gut zweieinhalb Jahren war der Startschuss zu wieder besseren Hüttenberger Handball-Zeiten. Bei Bedarf wird diese in eine 5:1-Zonendeckung abgewandelt. Dagegen agieren die heutigen Gastgeber zumeist aus einer aggressiven 6:0-Deckung, die es den Gegnern schwer macht, zum Erfolg zu kommen. Was aber der Hüttenberger Defensive deutlich besser gelingt. Während die DJK-Keeper 436 Bälle parieren mussten, war das Hüttenberger Gespann Ritschel/Schomburg 60-mal weniger gefordert. Und das, obwohl die defensivere Rimparer Ausrichtung deutlich mehr gegnerische Bälle blocken konnte. Dafür ermöglicht die Hüttenberger Deckungsvariante viele Ballgewinne, die bevorzugt Daniel Wernig, aber auch die Abwehrspeerspitze Moritz Lambrecht zu schnellen Gegenstößen und im Falle von Lambrecht zu einem Großteil seiner bereits 64 Treffer nutzen konnte.

Trainer: Die Verpflichtung von Aðalsteinn Eyjólfsson im Januar 2015 konnte zwar auch nicht den Abstieg des TVH in die 3. Liga abwenden. Im Nachhinein erwies sich das Engagement des 39-Jährigen als wahrer Glücksgriff. Er hielt an dem Großteil der Mannschaft fest und hat in den zweieinhalb Jahren diese körperlich, spieltaktisch und auch im Entscheidungsverhalten auf ein anderes Niveau gehoben. Zudem wurde der Kader zu dieser Saison punktuell, aber äußerst sinnvoll ergänzt. Bereits früh bekannte sich der Isländer zum TVH und unterschrieb einen langfristigen Vertrag bis 2018. Der bereits seit 2000 als Trainer arbeitende Familienvater konnte schon einmal 2013 mit dem ThSV Eisenach den Aufstieg in die Handball-Bundesliga feiern, allerdings auch den direkten Abstieg nicht vermeiden. Schon in Eisenach war der Tscheche Tomáš Sklenák sein verlängerter Arm auf dem Spielfeld.

Auf der Bank des Rimparer Wolfsrudels hat Dr. Matthias Obinger bereits im dritten Jahr das Sagen. Der gebürtige Rimparer ist Sportwissenschaftler, kam 2015 vom Drittligisten HSC Bad Neustadt und beerbte 2015 Jens Bürkle, der zum Erstligisten Hannover-Burgdorf wechselte. Neben seiner Trainertätigkeit ist der 37-jährige als Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Sportwissenschaft in Würzburg tätig. Bereits im Januar hat er seinen Vertrag in Rimpar bis 2019 verlängert. Zudem agiert bei Rimpar seit dieser Saison Dr. Rolf Brack als sportlicher Berater, der nach zehn Jahren bei Bundesligist HBW Balingen/Weilstetten zuletzt zweieinhalb Jahre die Schweizer Nationalmannschaft trainierte.

Formkurve: »In diesem Stadium der Saison entscheidet viel der Kopf.« Dieser Satz von Hüttenbergs Rechtsaußen Daniel Wernig verdeutlicht, dass der Wille am Ende den Ausschlag geben kann. Hatte Hüttenberg bis vor zehn Tagen auswärts in diesem Jahr nur einen einzigen Punkt geholt, scheint der Sieg in Rostock noch einmal ungeahndete Kräfte freigesetzt zu haben. Trotz Reisestrapazen zeigte man am letzten Samstag im ersten Aufstiegs-Endspiel gegen Bietigheim einen »Sieg des Geistes«, wie der isländische TVH-Coach seine Mannschaft lobte.

Rimpar ist seit fünf Heimspielen ungeschlagen. Allerdings entführten in Meister TuS N-Lübbecke und der SG BBM Bietigheim dabei zwei Top-Teams der Liga jeweils einen Punkt. Ein Punkt, der Hüttenberg auf alle Fälle in der Tabelle vor Rimpar belassen würde und im Idealfall sogar am Ende zum Aufstieg reichen könnte. Hüttenberg konnte in bisher fünf Aufeinandertreffen nur beim Remis im Hinspiel Zählbares gegen die Wölfe erkämpfen. Heute in Würzburg wäre der ideale Zeitpunkt für den ersten Sieg.


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