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Hüttenberger Team »hat eine Seele«

Gießener Allgemeine Zeitung

Mittwoch, den 14. Juni 2017 um 08:06 Uhr

Erfolgstrainer Aõlsteinn Eyjõlfsson hat den TV 05/07 Hüttenberg von der 3. in die 1. Handball-Bundesliga geführt. Im Interview erklärt er, wie das möglich war.

Von Ralf Waldschmidt. Während die Mannschaft des TV Hüttenberg noch einige Tage den sensationellen Aufstieg feiert, fährt der in einer Woche 40 Jahre alt werdende Isländer Aðalsteinn Eyjólfsson in seiner Heimat erst einmal herunter, verarbeitet die letzten Wochen und Monate und macht sich dann mit neuer Energie an die Arbeit für die Saison 2017/18.

Wann ist bei Ihnen die Überzeugung gewachsen, dass der Erstliga-Aufstieg tatsächlich gelingt?
Aðalsteinn Eyjólfsson: »Gegen Nettelstedt am Samstag während der Partie, als ich Mitte der zweiten Halbzeit die Zwischenergebnisse aus Ludwigshafen und Bad Schwartau gehört habe. Rimpar lag hinten, Friesenheim hat nur mit fünf geführt und wir waren in dieser Phase acht Tore vorne. Während der ganzen Runde ärgere ich mich immer noch über unsere Spiele in Wilhelmshaven und Eisenach, da hätten wir punkten müssen und wären so bereits vor dem letzten Spieltag durch gewesen. Von den Leistungen in der Liga her war das Fotofinish aber okay. Im März, April hatten wir einen Hänger, zum Glück ging die Kurve bei uns dann wieder nach oben.«

Es war während der Saison auffällig, dass die Mannschaft ihre besten Leistungen gerade gegen die stärksten Teams der Liga gebracht haben.
Eyjólfsson: »Zuhause war es einfacher für uns gegen die Starken. Gegen die vermeintlich Leichten wie Konstanz, Rostock oder Leutershausen haben wir uns schwer getan. Das stimmt.«

Das war, glaube ich, was wichtig war: unsere Spielintelligenz, da haben wir die richtigen Leute / Aðalsteinn Eyjólfsson

Ihr Team hat sich jedes Tor hart erarbeiten, viel Energie aufwenden müssen.
Eyjólfsson: »Da kommt drauf an. Mit Tim Stefan hatten wir schon einen Spieler, der aus dem Rückraum kommen kann. Wir müssen grundsätzlich aber viel arbeiten, taktisch immer etwas probieren und oft über den Kreis kommen. Wir haben während der Saison immer wieder spielerische Lösungen gefunden. Gerade im letzten Spiel gegen Nettelstedt ging es aber um Kampf, um Herz und Seele – und um Spielintelligenz. Das war, glaube ich, was wichtig war: unsere Spielintelligenz, da haben wir die richtigen Leute.«

Mit Dominik Mappes und Tomas Sklenak haben sie zwei Spielmacher, die viele Vorgaben hervorragend umsetzen können.
Eyjólfsson: »Darüber bin ich auch sehr froh. Zu 90 Prozent. Dominik und Tomas haben immer wieder geniale Momente. Ich wusste schon, weshalb ich Tomas geholt habe - und wie sich Dominik entwickelt hat, ist ohnehin phänomenal.«

Gerade im entscheidenden Spiel letzten Samstag gegen Nettelstedt hat die Deckung noch einmal alles aus sich herausgeholt.
Eyjólfsson: »Wir decken eigentlich immer relativ stark. Wenn die Torhüterleistung stimmt, dann kommt so etwas wie gegen Nettelstedt heraus.«

Was macht diese Mannschaft aus?
Eyjólfsson: »Diese Mannschaft hat eine unheimlich gute, schöne Seele. Wir sind hier kein Profiverein, viele arbeiten und studieren. Jeder identifiziert sich mit dem Verein. Hier ist aber auch ganz viel Knowhow von Peter Nagel über Thorsten Menges und Andreas Mientus bis zum Physio- und Ärzteteam. Jeder leistet seinen Beitrag. Wir funktionieren auch hier als Kollektiv.«

Wie groß ist die Freude auf die 1. Liga?
Eyjólfsson: »Es ist immer schön, 1. Liga zu spielen. Die Aufgabe wird natürlich immens schwer. Aber ich glaube, wir gehen weiter mit unserer Philosophie in die 1. Liga; wir werden versuchen, mit unseren jungen Spielern zu arbeiten, vielleicht noch mit ein, zwei neuen Leuten stärken. Wir gehen mit unseren Werten, für die wir stehen, in die 1. Liga und werden das Beste daraus machen. Es wird sicher schwierige Momente geben, aber auch schöne. Dafür ist man Sportler.«

Ändert sich etwas am Aufwand, der betrieben wird?
Eyjólfsson: »Wir trainieren ohnehin schon viel. Wir bleiben so, wie wir sind. Wir sind der TV Hüttenberg, wir sind keine Profimannschaft, das macht uns aus. Mit dem, was wir haben, werden wir versuchen, das Optimale zu erreichen.«

Wir gehen mit unseren Werten, für die wir stehen, in die 1. Liga und werden das Beste daraus machen / Aðalsteinn Eyjólfsson

Wo muss personell auf jeden Fall ergänzt, gestärkt werden?
Eyjólfsson: »Wir schauen jetzt im Rückraum auf den Halbpositionen. Diese Arbeit kommt nun auf uns zu, mal sehen, welche Mittel zur Verfügung stehen. Wir werden das jetzt genießen, dann aber aufwachen´und viel telefonieren müssen. Ich bin am 9. Juli aus Island zurück und werde meinen Spielern auch etwas länger Urlaub gönnen. Das ist wichtig nach der langen Runde. Wir werden maximal mit zwei, drei neuen Spielern etwas machen können.«

Der Aufstieg ist gepackt, aber irgendwie doch noch immer irreal.
Eyjólfsson: »Ich glaube, diese Story, die wir jetzt geschrieben haben, wird so nie wieder vorkommen.«

In Eisenach hat man seinerzeit das Team nach dem Aufstieg umgekrempelt. Das wird in Hüttenberg wohl nicht passieren?
Eyjólfsson: »Das glaube ich auch. Wir werden hier bescheiden bleiben. Wir wissen, warum und weshalb wir jetzt in der 1. Liga sind, wir werden uns deshalb nicht verrückt machen.«

Wann wurde die Idee geboren, die Hüttenberger 3:2:1-Deckung wiederzubeleben?
Eyjólfsson: »Von Anfang an! Sofort als der Anruf und das Angebot vom Verein kamen. Ich habe das nie verstanden, dass damals die beste 3:2:1-Deckung Deutschlands abgeschafft wurde, warum man diese DNA entfernt hat. Das ist Hüttenberger Handball, 3:2:1 oder 5:1. Das war mir bei meinem Amtsantritt so klar wie nichts anderes.«

Damit war der Grundstein gelegt für all das, was sich in den letzten beiden Jahren wieder entwickelt hat.
Eyjólfsson: »Das brauchte aber Zeit, das haben wir nicht sofort geschafft, so schnell von 6:0 wieder wegzukommen. Wir haben kein Geld für große, stämmige Leute, die - wie Nettelstedt - hinten drin stehen. Wir werden aus Zweikampfstärke und Kollektiv das alles immer wieder systematisch zum Erfolg führen müssen. Wir haben nicht die großen körperlichen Möglichkeiten. Ich bin lange genug in Deutschland, um das zu beurteilen. Ich habe Jan Gorr dafür bewundert und habe einfach den Faden wieder aufgenommen und diese 3:2:1-Philosophie wieder zum Leben erweckt. Das hat wunderbar geklappt.«


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