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Lachendes und weinendes Auge

Gießener Allgemeine Zeitung

Montag, den 04. September 2017 um 07:25 Uhr

Wieder gut gespielt, wieder nichts Zählbares geholt: Der TV 05/07 Hüttenberg verliert das Hessenderby gegen die MT Melsungen mit 27:28 – vor allem aufgrund fehlender Cleverness. Doch die Premiere vor heimischem Publikum in der Sporthalle Gießen-Ost hatte auch ihre guten Seiten.

Von Philipp Keßler. Geschäftsführer Lothar Weber stand auf dem Feld und konnte gar nichts sagen. Er starrte einfach nur ins Leere. Dann folgte ein: »Von dieser Leistung können wir uns auch nichts kaufen.« Sein TV 05/07 Hüttenberg hatte den gut 1600 Zuschauern beim ersten Heimspiel in der Sporthalle Gießen-Ost alles geboten: Kampf, Teamgeist, Leistung – und wurde dafür nicht belohnt. Weil der vermeintliche Ausgleichstreffer zwei Sekunden zu spät fiel, verlor der Aufsteiger gegen die hochgehandelte MT Melsungen mit 27:28 (14:14). Immerhin: Die Leistung der Hüttenberger machte Mut für das Mittelhessenderby gegen die HSG Wetzlar am Donnerstag (19 Uhr, Rittal-Arena).

»Die Enttäuschung ist gerade riesengroß. Ich glaube, wir hatten hier mehr als einen Punkt verdient gehabt. Jetzt müssen wir am Donnerstag noch stärker zurückkommen«, sagte ein zerknirschter Hüttenberger Dominik Mappes nur wenige Minuten, nachdem die knappe Niederlage feststand. Denn während das Publikum beim Abpfiff noch kurz gejubelt hatte, schwante den Spielern bereits: Der vermeintliche Ausgleich in allerletzter Sekunde durch Vladan Lipovina zählte nicht. Die Zeit war bereits abgelaufen – da half auch kein Protest des Aufsteigers bei den über weitere Strecken eher schwachen Schiedsrichtern. »Der Nicht-Bonus der Aufsteiger war für mich heute ein Tick zu viel, sodass wir uns als Aufsteiger um unseren Lohn gebracht sehen«, sagte TVH-Trainer Aðalsteinn Eyjólfsson noch auf dem Parkett.

Sein Resümee fiel dann aber doch nicht völlig negativ aus: »Einerseits bin ich stolz auf die Leistung meiner Mannschaft und auf die Zuschauer, die eine unglaubliche Stimmung gemacht haben, mit der ich vorher nicht gerechnet hatte, andererseits hat uns aber in zwei, drei Situationen die Abgezocktheit und die Cleverness gefehlt. Denn anstatt uns für unsere gute Abwehrarbeit zu belohnen, kriegen wir die Bälle hinten rein und das ist momentan der Unterschied zwischen Punkten und keinen Punkten.«

Damit traf seine Analyse den Nagel auf den Kopf: Angetrieben vom überragenden Torhüter Matthias Ritschel, der ein Dutzend Bälle hielt, hatten es die Mittelhessen mehrfach versäumt, den Gegner noch mehr unter Druck zu setzen. In einer ausgeglichenen ersten Hälfte machte die berühmte 3:2:1-Deckung des TVH dem Favoriten das Leben schwer. Auch wenn Melsungen zumindest im gewaltigen Mittelblock gut stand, so schafften es die körperlich in weiten Teilen unterlegenen Aufsteiger dennoch mit spielerischen Mitteln oder über Gegenstöße zu ihren Toren zu kommen. Ein Beispiel dafür war Außen Daniel Wernig, der in der Anfangsphase gleich dreimal traf. Dank Einsatz, Teamgeist und einer Verteidigung, die gegen uninspirierte Melsunger durch gegenseitiges Helfen funktionierte, ging es nach einem Tor von Tomas Sklenak mit 14:14 in die Kabine.

Im zweiten Abschnitt brauchte der Liga-Neuling keine 20 Sekunden, um die Osthalle auf Temperatur zu bringen: Lipovina – mit sieben Toren bester Werfer der Partie – traf zur ersten TVH-Führung seit Mitte der ersten Hälfte. Und trotz dreimaligem Zwei-Tore-Rückstand kam die Truppe von Trainer Eyjólfsson immer wieder zurück: Etwa als Tobias Hahn herrlich freigespielt traf, Ritschel im Gegenzug überragend hielt und selbst den Ausgleich zum 25:25 ins verwaiste Tor der zu diesem Zeitpunkt in Unterzahl spielenden Gäste machte (54.).

Andererseits machte der insgesamt recht gut aufgelegte Lipovina in der Schlussphase in mehreren Situationen keine gute Figur, zudem tat sich der TVH im Positionsspiel zunehmend schwerer. Dennoch brachte der isländische Coach nicht den jungen Szymon Sicko als Alternative im Rückraum. »Es ging mir um Struktur, denn wir müssen über spielerische Elemente zu Toren kommen und Szymon ist noch nicht soweit, dass er in diesem System spielen kann. Dafür braucht er noch etwas Training.« Es folgte Pech bei Ritschel beim Siebenmeter gegen Michael Allendorf (26:28/58.) und einige schlechte Entscheidungen im Angriff – der Rest ist Geschichte.

»Natürlich war es gut, dass wir heute ein super Einstand abgeliefert haben, aber es ist natürlich unfassbar ärgerlich, dass wir immer noch bei null Punkten stehen«, sagte Torhüter Ritschel, der aber sogleich die »super Akustik in der Halle« lobte: »Das war Heimspielatmosphäre!« »Das war vielleicht kein verdienter Sieg, trotzdem nehmen wir die Punkte gerne mit«, sagte der Ex-Wetzlarer Michael Allendorf. Sein Trainer Michael Roth fügte hinzu: »Wir sind sehr glücklich über die zwei Punkte, da Hüttenberg es uns erwartungsgemäß sehr schwer gemacht hat – dazu meine Gratulation.«

TV Hüttenberg: Ritschel (1), Schomburg; Stefan (1), Lambrecht, Wernig (6/3), Zörb (1), Fernandes (3), Johannsson (1), Roth, Mappes (2), Hofmann (2), Hahn (1), Lipovina (7), Wörner, Sicko (beide n.e.).

MT Melsungen: Sjöstrand, Simic; Maric (2), Kühn (6), Lemke, Golla, Reichmann (3), Mikkelsen (1), Danner (3), Boomhouwer (1), Schneider (4), Allendorf (5/4), Michael Müller (3), Jaanimaa, Haenen (beide n.e.).

Im Stenogramm: Schiedsrichter: Hartmann/Schneider (Magdeburg/Irxleben). – Zuschauer: 1600. – Zeitstrafen: 4:8 Minuten. – Siebenmeter: 4/4:3/3.


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