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Ausnahmezustand beim TV 05/07 Hüttenberg: Heimspiel

Gießener Allgemeine Zeitung

Mittwoch, den 06. September 2017 um 06:35 Uhr

Für den TV 05/07 Hüttenberg ist jedes Heimspiel eine Herausforderung. Mit viel Aufwand muss die Osthalle für Bundesliga-Handball fitgemacht werden. Ein Tag bei den Vorbereitungen.

Von Philipp Keßler. »Was hab ich nur verbrochen, dass ich so etwas machen muss?«, fragt Lothar Weber, während er auf den Knien auf dem neuen Hallenboden in der Gießener Sporthalle Ost herumrutscht und kleine Fetzen Klebeband mit den Fingern abzwickt. Es ist Samstagmorgen, 10.30 Uhr. Der Geschäftsführer des TV 05/07 Hüttenberg ist einer der Ersten in der Halle, nach und nach trudeln einige Handvoll ehrenamtlicher Helfer ein und machen sich ans Werk. Vor dem ersten Heimspiel der Hüttenberger in der Handball-Bundesliga ist noch einiges zu tun, denn die Auflagen der Liga sind seit dem letzten Hüttenberger Gastspiel im Oberhaus 2011 nicht weniger geworden.

VIP-Raum mit Getränken bestücken, Stühle stellen, Werbebanner aufhängen, dekorieren, außerdem den neuen Hallenboden verlegen lassen, die Markierungen auftragen, die Werbeflächen platzieren; dazu noch die Pressetribüne herrichten, Tische für die Fernsehkameras aufstellen – und das alles in einer fremden Halle. Für den TVH wird jedes Heimspiel zur Herausforderung.

Umzug aus dem Wohnzimmer

Der Überraschungsaufsteiger, der als erster Verein in der Geschichte des deutschen Handballs den Durchmarsch von der dritten in die erste Liga schaffte, ist einerseits Profiteur einer zunehmend professionelleren Liga mit Live-Übertragungen des Bezahlsenders Sky, andererseits aber ist er ein Opfer der dadurch gestiegenen Anforderungen. Der erste und wohl größte Umstand ist der Umzug aus dem heiß geliebten Sportzentrum Hüttenberg. Immerhin: Die Stadt Gießen und Basketball-Bundesligist Gießen 46ers boten Hilfe an, sodass in der Osthalle gespielt werden kann – nur wenige Kilometer von der Heimat entfernt. »So ein Aufwand für ein Handballspiel – das ist Wahnsinn«, sagt Weber schon nach kurzer Zeit am Samstagmorgen.

Für die Heimpremiere am vergangenen Sonntag gegen die MT Melsungen (Ergebnis 27:28) hatte 46ers-Geschäftsführer Heiko Schelberg extra die Trainingseinheiten seines Teams verlegt, sodass die Hüttenberger gemeinsam mit der Spezialfirma Gerflor, die den von der Liga geforderten Hallenboden verlegt, bereits am Freitagabend in die Halle konnten. Dort wurden dann 34 Rollen, jede Einzelne rund 130 Kilogramm schwer, ausgelegt. »Als ich die Helfer gesehen habe, dachte ich erst, es sei eine Rentnerband, aber was die gearbeitet haben – da zieh ich den Hut vor. So schnell hatten wir noch nie einen Boden ausgerollt«, sagt Gerflor-Mitarbeiter Ralf Orth mit Respekt in der Stimme.

1100 Meter Klebeband

Nach dem Akklimatisieren geht es am Sonntag weiter. Orth und seine Crew schneiden den besonders gelenkschonenden PVC-Boden zu und kleben ihn mit 22 Rollen Klebeband à 50 Meter fest. Kosten nur für das Klebeband: 1100 Euro. Der Boden selbst schlägt mit 30 000 Euro zu Buche, ist aber von der Liga gekauft und wird von den Teams nur gemietet. Er wird nach jedem Spiel gereinigt, zusammengerollt und beim nächsten Mal wieder aufgebracht. Zuständig dafür sind Thomas Knoblich und sein Team. Sie haben Erfahrungen damit, machen das unter anderem für TuSEM Essen, den HC Erlangen, die Kölner Lanxess-Arena und das Champions-Leage-Final-Four sowie das Allstar-Game. Wenn alles glattläuft, ist der Boden nach dem Spiel in zweieinhalb Stunden weg, der Aufbau dauert nur wenig länger.

"Der Aufwand ist gerade für uns immens" - TVH-Pressesprecher Lucas Mertsching

Knoblich und sein Team sind eine der wenigen, die der TVH angeheuert hat. Vieles andere wird von Ehrenamtlichen geregelt. Egal, ob das das Testen von Internet- und Stromleitungen, das Verlegen von Kabeln, den Aufbau der Soundanlage, das Verteilen von Hallenheften und Klatschpappen oder das Ticketing ist – die Hüttenberger halten zusammen und investieren dafür viel ihrer Freizeit. »Ich wusste beim Aufstiegsspiel gegen TuS N-Lübbecke: Wenn wir verlieren, haben wir große Probleme, und wenn wir gewinnen, haben wir die auch – nur andere«, sagt einer der Helfer, nachdem er Stunden damit zugebracht hat, die Spezialtische für die Sky-Mitarbeiter auf der Tribüne so zu installieren, dass die Kamera und das Equipment Platz haben. »Es ist zwar schön, dass jetzt alles live gezeigt wird, aber der Aufwand ist gerade für uns schon immens«, sagt TVH-Pressesprecher Lucas Mertsching. Und gegen Melsungen geht es, denn das Spiel ist nur Kategorie C, es kommen also nur drei Kameras insgesamt zum Einsatz, bei einem A-Spiel können das bis zu acht sein.

Einstand geglückt

»Danke fürs Helfen«, sagt Martin Volk von der Hüttenberger Handball Marketing GmbH & Co. KG, als er dazukommt. Er hat den Plan, was noch alles gemacht werden muss, und daher schallt es nicht selten »Martin, kommst du mal kurz?« durch die Halle. Und Martin kommt und schaut: Der Hüttenberger Stehtisch aus acht Kisten Bier ist im 46ers-VIP-Raum das erste Element, dass erahnen lässt, dass am Sonntagmittag hier Handball gespielt wird, dann geht es weiter mit dem Fan-Shop, der Bestuhlung, der LED-Bande, die von den 46ers geliehen, aber mittels Software neu bestückt werden muss, ehe am Sonntagmorgen um 7.45 Uhr Sky in der Osthalle aufschlägt und um 12.30 Uhr angeworfen wird. »Wir kennen es aus unserer ersten Bundesliga-Saison, aber da ist seitdem noch einiges dazugekommen. Wir sind von den Strukturen, vom Etat und auch vom Kader einfach der Außenseiter«, sagt Volk.

Sonntagmittag, 15 Uhr: Die Halle leert sich, das Spiel ist verloren, aber der Heim-Einstand geglückt. Über 1600 Zuschauer sind zum Hessenderby gekommen. »Für Sonntagmittag war es für das erste Spiel in Ordnung. Ich denke, die Leute müssen sich noch daran gewöhnen und bei uns muss es sich noch einspielen«, ist das Fazit von Weber. Der TVH ist damit nicht nur handballerisch in der Bundesliga angekommen, sondern auch in Sachen Organisation. Dennoch bleibt die Bundesliga-Saison ein Kraftakt.

Info: Einheitlicher Hallenboden
Seit dieser Saison wird in der Handball-Bundesliga auf einheitlichem Hallenboden gespielt. Das Spielfeld ist hellblau, die Ränder mit den Trainer- und Auswechselbänken sind schwarz. Der Boden wird von der Firma Gerflor aus der Nähe von Köln hergestellt und vertrieben. »In erster Linie geht es dabei um ein einheitliches Erscheinungsbild. Der Zuschauer soll sofort feststellen, dass er ein Spiel der Handball-Bundesliga sieht«, erklärte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann die Maßnahme vor Beginn der Saison.


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