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Hüttenberg im siebten Himmel

Gießener Allgemeine Zeitung

Freitag, den 08. September 2017 um 08:13 Uhr

Sie lagen so weit hinten, aber mit Kampf und Leidenschaft ist es am Ende der erste Punkt in der Bundesliga. Aufsteiger TV 05/07 Hüttenberg holt im Derby gegen die HSG Wetzlar sensationell ein 23:23-Remis. Das lag auch daran, dass bei Hüttenberg gleich mehrere Spieler überzeugten.

Von Daniela Pieth, Philipp Keßler und Ralf Waldschmidt. Was für ein verrücktes Derby! Aufsteiger TV Hüttenberg trotzte der HSG Wetzlar in der ausverkauften Rittal-Arena nach großem Kampf und einem 10:13-Rückstand zur Pause beim 23:23 einen Punkt ab. »Wir haben in beiden Halbzeiten in der zweiten Hälfte abgebaut und haben letztlich drei Probleme: Torhüter, Siebenmeter und frei Bälle und das schon seit mehreren Spieltagen«, lautete die ernüchternde Bilanz von HSG-Trainer Kai Wandschneider. »Wir haben uns das Leben selbst schwer gemacht.«

Während die Sky-Zuschauer zu Spielbeginn nur die Bildübertragung genossen – der Ton war kurzzeitig ausgefallen – bekam der geneigte Handballfan in der Arena das volle Programm geliefert – Spektakel pur im handballverrückten Mittelhessen. Passenderweise war es ein rassiges Derby, mit einem Aufsteiger, der am Ende wie ein Sieger feierte und einer Mannschaft, die (wieder einmal) einen Punkt verloren hatte. Völlig konsterniert standen die HSG-Spieler nach dem Schlusspfiff auf dem Feld und starrten Löcher in die Luft, Anton Lindskog tigerte auf dem Parkett herum und schrie sich seinen Frust von der Seele.

Dabei waren die Grün-Weißen gut in die Partie gestartet und führten auch in der 47. Minute noch mit 20:15 – dann der Einbruch oder eher das Aufbäumen der Hüttenberger. Matchwinner gab es aufseiten der Gäste gleich mehrere. Etwa Tomáš Sklenák, der, nach dem 0:5 eingewechselt, sofort für Belebung im Angriff sorgte. Mit viel Routine lenkte er das Spiel seiner Mannschaft und ging im Zweifel mit Wackler und Drehung selbst an der Abwehr vorbei. Zuvor hatten die Gäste kein Mittel gegen die 6:0-Defensive der HSG gefunden. So brachte Sklenák seine Truppe auf Betriebstemperatur.

»Nach den ersten 15 Minuten hätte man nicht unbedingt an einen Punkt geglaubt«, sagte TVH-Trainer Aðalsteinn Eyjólfsson nach der Partie. »Meine Spieler haben sich selbst mit einer unglaublichen Energieleistung belohnt und den Punkt verdient geholt.« Die Abwehr der Hüttenberger provozierte nach einer Viertelstunde vermehrt technische Fehler der Grün-Weißen, sodass Jannik Hofmann in der 16. Minute per Gegenstoß zum 3:6 einnetzte.

Ein weiterer Faktor waren die Hereinnahmen von Vladan Lipovina und Fabian Schomburg, der den glücklosen Matthias Ritschel im Tor ablöste. Kaum eingewechselt zeigte er seine erste Parade und hielt gleich zwei Siebenmeter von Kristian Björnsen, der zuvor viermal sicher getroffen hatte. Lipovina drehte vor allem in der zweiten Hälfte auf: Wenn er von Sklenák geholt mit Anlauf Maß nahm, konnte HSG-Keeper Benjamin Buric der Kugel nur noch hinterherschauen.

Trotz allem hatten die Gastgeber die Partie über weite Strecken im Griff. Bereits in der fünften Minute begeisterten Filip Mirkulovski und Stefan Cavor das Publikum mit einem Kempa-Tor. Immer wieder gelang es unter der Regie des starken Mirkulovski, Lösungen für die 3:2:1-Abwehr der Hüttenberger zu finden. Doch immer wieder setzte auch Hüttenberg Nadelstiche, gab keinen Ball verloren und rettete sich mit 10:13 in die Pause.

Auch zu Beginn der zweiten Hälfte war Wetzlar am Drücker, scheiterte aber gerade in der Anfangsphase mehrmals frei an Schomburg. Er sagte nach der Partie: »Wir haben uns mit viel Herz herangekämpft. Der Punkt geht, wenn man das ganze Spiel sieht, in Ordnung.«

Die Abnutzungskämpfe kosteten alle Beteiligten viel Kraft und das Gefühl der Wende wollte sich lange nicht einstellen. Doch eine Zeitstrafe für Cavor in der 48. Minute und ein 2:0 für den TVH bedeutete das 17:20. Hüttenberg bekam die zweite Luft: Ein Kegeltor von Dominik Mappes, zwei schlechte Würfe von Alexander Hermann und Kohlbacher und schon netzte Daniel Wernig zum viel umjubelten 20:20 (53.) ein – die Halle kochte. Die letzten Minuten waren ein offener Schlagabtausch bis zum 23:23. Die Hüttenberger feierten das Ergebnis wie einen Sieg, während sich die Grün-Weißen fragten, was da eigentlich gerade passiert war. »Wir ziehen unser Ding momentan nur 45 Minuten durch«, sagte HSG-Kreisläufer Kohlbacher. »In Linden waren es noch 33 Tore von uns, heute nur 23 – Das sagt alles.«

HSG Wetzlar: Klimpke (n.e.), Buric (1), Weber; Hermann, Kneer (2), Björnsen (5/4), Pöter, Ferraz (3), Mirkulovski (3), Holst (1/1), Forsell Schefvert, Kvist (2), Lindskog, Cavor (4), Kohlbacher (2).

TV 05/07 Hüttenberg: Ritschel, Schomburg; Stefan, Sklenák (4), Wörner, Lambrecht (1), Wernig (3/2), Rompf (4), Zörb (1), Fernandes (1), Johannsson (1), Sicko (n.e.), Mappes (1), Hofmann (1), Hahn, Lipovina (5).

Im Stenogramm: SR: Schulze/Tönnies (Magdeburg). – Z. 4421. – Zeitstrafen: 8:12 Minuten. – Siebenmeter: 7/5:2/2.


Die Kurzanalyse

Die Zuschauer: Die 4421 handballbegeisterten Fans in der ausverkauften Rittal-Arena sorgten für eine mehr als würdige Stimmung – und das von der ersten Minute an. Das zeigt einmal mehr: Mittelhessen ist Handball-Land und zwei Vereine aus der Region sind eine Bereicherung für die Liga.

Die Aufholjagd: Nach Hüttenbergs katastrophalem Start (0:5/5. Minute), beleben Tomáš Sklenák und Vladan Lipovina das Angriffsspiel. Bis zum Pausen-10:13 schrumpft der Vorsprung, ehe er im zweiten Abschnitt zunächst wieder anwächst – doch Hüttenberg kommt erneut zurück.

Die Torhüter: Fabian Schomburg ist einer der TVH-Helden. Gekommen für den glücklosen Matthias Ritschel, hält er unter anderem zwei Siebenmeter gegen Kristian Björnsen. Benjamin Buric im HSG-Tor bleibt nach starkem Beginn dagegen blass.

Der Rückkehrer:  Christian Rompf. Der Hüttenberger Außen feierte gegen seinen Ex-Klub sein Comeback nach Verletzungspause. Er steuerte vier wichtige Tore aus den unmöglichsten Lagen bei und kann sich am Ende als echter Gewinner fühlen.

Die Inkonstanz: Wie schon gegen Hannover und Minden reichte es bei der HSG Wetzlar nicht für 60 Minuten konstant guten Handball. Einzig Filip Mirkulovski überzeugte über weite Strecken.


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