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Ein Hüttenberger Heimsieg, der Fragen aufwirft

Gießener Allgemeine Zeitung

Samstag, den 14. Oktober 2017 um 12:20 Uhr

Der TV 05/07 Hüttenberg jubelt nach dem Last-Minute-28:27 gegen Mitaufsteiger Die Eulen Ludwigshafen. Doch bei aller Euphorie hat der erste Bundesliga-Sieg auch Fragen aufgeworfen. Eine Analyse.

Von Philipp Keßler. Aðalsteinn Eyjólfsson blieb fast schon unnahbar, als Christian Rompf am Donnerstagabend vier Sekunden vor Schluss seinen TV 05/07 Hüttenberg im Duell gegen Mit-Aufsteiger Die Eulen Ludwigshafen zum 28:27-Sieg warf. Während seine Spieler tanzten, stand er kurz da, ging dann auf den Gäste-Coach Benjamin Matschke zu und gratulierte ihm mit einem Achselzucken, als wolle er sagen: »Das war pures Glück.«

Unter den Augen seiner Schwiegereltern und seines besten Freundes, des Generalsekretärs des isländischen Handballverbandes, Róbert Geir Gíslason, hatte sich seine Mannschaft zum Sieg gegen die Badener gequält, ja ihn fast schon verschenkt gehabt. »Man hat gesehen, was für beide Mannschaften aber gerade für uns als Gastgeber auf dem Spiel stand. Es war immens wichtig, dass wir diese beiden Punkte behalten haben. Es waren viele Fehler drin, viel Hektik, viele Nerven, aber ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft, denn gerade in den letzten Minuten hat Friesenheim mit der 5:1-Deckung viel Druck aufgebaut«, sagte Eyjólfsson nach der Partie.

Was ist mit den Rückraum-Shootern?

Der erlösende Treffer zum ersten Sieg in der Handball-Bundesliga war glücklich, aber nicht unverdient. Die Hüttenberger haben nun fünf Punkte auf dem Konto und stehen auf Rang 16, dem ersten Nichtabstiegsplatz. Und obwohl der Sieg in der Sporthalle Gießen-Ost einmal mehr dank Leidenschaft, Kampfgeist und Einsatzbereitschaft vor allem in der Defensive zustande kam, so hinterlässt er doch Fragen.

Die erste ist: Wie lange kann Eyjólfsson seinen Rückraum mit Dominik Mappes, Ragnar Johannsson und Tomáš Sklenák noch über 40 , 50 oder mehr Minuten spielen lassen, ohne ihm mehr Pausen zu geben? Damit würde er auch seinen Shootern Vladan Lipovina und dem jungen Szymon Sicko mehr Vertrauen und damit mehr Einsatzzeiten schenken. Ja, die Fehlerquote ohne die beiden ist niedriger, das war bei den zwei Ballverlusten Lipovinas in der Crunchtime gegen Ludwigshafen zu sehen. Ja, die beiden brauchen mehr Freiheiten als der Rest, um ihre Wurfgewalt zu entfalten, und ja, sie mögen alleine durch Sprachbarriere und den Status als Neuzugang noch Nachholbedarf in den Angriffssystemen haben.

Aber: Die Saison ist lange, der Hüttenberger Positionsangriff, der in der zweiten Halbzeit unverhältnismäßig oft sein Glück durch die Mitte versuchte, ist auf lange Sicht ausrechenbar. Leichte Tore aus dem Rückraum sind – ebenso wie im Gegenstoß – für einen Aufsteiger ohne überragende Individualisten Gold wert. »Wir wollten die Schwachstellen des eher schwerfälligen und großen Mittelblocks von Friesenheim attackieren. Das war dann am Ende ein bisschen zu viel, aber der Plan ist ja noch aufgegangen«, sagte Mappes nach dem Spiel.

Großes Plus: die Mannschaft

Die zweite Frage des Abends lautete: Wieso schaffen es die Hüttenberger nicht, einen Vorsprung von drei oder vier Toren zu halten oder gar auszubauen, um auf die mittlerweile zur Gewohnheit gewordenen Herzschlagfinals verzichten zu können? Denn letztlich hatten die Hausherren das Heft über weite Teile der Partie in der Hand. »Wir müssen von Spiel zu Spiel zu lernen, die kleinen Fehler abzustellen. Heute hat es Gott sei Dank gereicht, denn das war ein Vier-Punkte-Spiel«, sagte Mappes, mit sieben Toren bester Werfer am Donnerstag. Sein Coach ärgerte sich da etwas mehr: »Gerade im letzten Angriff geben wir den Ball ab, weil die Umsetzung von klaren Ansagen fehlt. Daraus resultiert der technische Fehler und wir verschenken eigentlich schon den Sieg. Den Ballgewinn haben wir Moritz Lambrecht zu verdanken, und so bekommen wir noch die Möglichkeit, in elf Sekunden einen Bigpoint zu landen.«

Auch wenn ein Remis für die kampfstarken Gäste nicht unverdient gewesen wäre, mit Blick auf die bisherige Saison war dies nur ausgleichende Gerechtigkeit. Doch – und jetzt kommt das Positive – diese Hüttenberger Mannschaft hat dank ihres Trainers die Ruhe, einfach weiterzumachen, dank ihres Zusammenhaltes, die Moral immer wieder zurückzukommen – und dann eben auch das Quäntchen Glück, das es braucht, um als Aufsteiger und Rangletzter der Etatliste in der Bundesliga zu punkten.


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